Weltmeisterlicher Einsatz: Selina Jörg engagiert sich in der Coronakrise als Fahrradbote

Einen schwierigeren Start in die Selbständigkeit gibt’s wohl nicht: „Mein Freund hat Ende März einen Fahrradladen in Kempten eröffnet. Nach drei Tagen kamen die Corona-Einschränkungen und er musste wieder schließen“, erzählt Raceboarderin Selina Jörg. Doch die Weltmeisterin, selbst begeisterte Bikerin, machte aus der Not eine Tugend und hatte beim Anblick der ungenutzten Räder eine Idee.

„In dem Shop gibt es auch Lastenfahrräder. Und alles stand nach der Schließung einfach rum. Da habe ich auf einem Online-Portal angefangen Botendienste für Menschen anzubieten, die wegen Vorerkrankungen aktuell nicht aus dem Haus gehen dürfen – und die Caritas in Immenstadt hat sich bei mir gemeldet“, erzählt die 32-Jährige über den Startschuss ihrer Zusammenarbeit mit dem Sozialverband.

Seitdem ist Selina Jörg mehrmals die Woche in Immenstadt als Fahrradkurier unterwegs. „Ich bekomme von der Caritas die Adressen, wo ich hinradeln muss. Bevor ich mich auf den Weg mache, hole ich die Verpflegungspakete im Caritas-Laden ab“, verrät sie. „Viele von ihnen sind Lungenkrank und haben ihre Wohnungen seit Wochen nicht mehr verlassen. Heute war ich bei einem Pärchen, die schon seit neun Wochen nicht mehr draußen waren und nur einen Mini-Balkon haben. Da bin ich die einzige Person am Tag, die sie sehen. Da denkt man dann schon: „Wow krass. Das ist schon heftig.“

Eine erste Vorahnung was in Sachen Corona auf die Heimat zukommt, hatte Selina Jörg auf dem Weg zum vorletzten Weltcup-Stopp Anfang März bekommen: „Wir haben das im Winter erstmal total unterschätzt. Aber als wir über die Schweiz nach Livigno fahren wollten und plötzlich in der Lombardei die Grenzen dicht waren, da hat man sich plötzlich schon Gedanken gemacht.“ Umso wichtiger sei es jetzt, zu helfen und alles zu tun, dass wir so gut es geht durch diese Krise kommen. „Und die Dankbarkeit der Menschen, die wochenlang nicht raus dürfen, wenn ich vorbeikomme, ist wirklich unglaublich.“